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S Geschichte Indigo

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Wirtschaftsgeschichte
Blaufärben mit Indigo   
Schneider, G.

Isatis tinktoria war lange Zeit in Mitteleuropa die Pflanze, mit der man Stoffe blau färben konnte. Sie war bis ins späte Mittelalter der wichtigste Lieferant des blauen Farbstoffs war. So schön der Farbe auch war, die Herstellung war weniger angenehm:

Abb. 1: Waid als Kulturpflanze für das Blaufärben in Sachsen.
(aus Ciba Rundschau Basel 1936 / 37 und Ploss: Ein Buch von alten Farben 1977, München)
 
Der Chemiker R. Reiking hat das Rezept aus dem Papyrus Holmiensis (3tes Jahrhundert nach Christus)  bearbeitet:
„Schneide den Waid ab und sammle ihn im Schatten in Körbe. Dann zerkleinere das Kraut und lass es den ganzen Tag stehen. Am folgenden Tag durchlüfte es und geh darin herum, damit es durch die Bewegung der Füße aufgeworfen wird und gleichmäßig trocknet. Dann sammle es zur Aufbewahrung in Körbe. Fülle etwa 25 kg des trockenen Materials in einen Kübel, der in der Sonne steht, von mindestens 600Liter Inhalt und schichte es gleichmäßig auf. Dann gieße soviel Harn darauf, bis die Flüssigkeit übersteht, und lass die Masse in der Sonne warm werden. Am andern Tag schließe sie dadurch auf, dass du in der Sonne darin herumtrittst, bis sie gleichmäßig durchgezogen ist. Das muss 9 Tage lang geschehen."
Die hierbei entstehenden heftigen Gerüche war einer der Gründe für das geringe Ansehen, das die Färber zu fast allen Zeiten genossen. Und weiter heißt es:
 „Rühre den Waid und die Menge des darüberstehenden Urins tüchtig durch und teile sie in drei Teile. Den einen tue in einen Kessel und heize auf. Du kannst dann auf folgende Weise feststellen, ob die Masse genug gekocht hat. Wenn sie wallt, rühre sie durch, aber nicht wühlend, sondern sorgsam, damit sie sich nicht absetzt und der Kessel durchbrennt. Sobald sich der Brei von der Mitte aus spaltet, ist das Kochen fertig. Man zieht dann das Feuer weg, ohne mit dem Rühren nachzulassen. Kühle auch den Topf von unten ab, indem du kaltes Wasser dagegen spritzest. Dann nimm etwa 1/2 kg Seifenkraut, tue es in die Färbeküpe und fülle von der gekochten Masse eine genügende Menge ein. Darauf lege Holz- oder Rohrstan­gen auf den Rand des Küpengefäßes, decke es mit Matten zu und mache ein mäßiges Feuer darunter, so dass der Inhalt weder zu heiß noch zu kalt
wird. So lass es drei Tage stehen. Andererseits koche Seifenkraut im Harn auf, schäume ab und tue die vorher gebeizte Wolle hinein. Nachdem sie sorgfältig genetzt ist, drücke sie aus, zupfe sie auf und gehe damit in die Küpe ein. Wenn dir die Farbe gut zu sein scheint, nimm die Wolle heraus. Dann wärme sie wieder auf die vorher beschriebene Weise auf. Dann decke die Küpe wieder zu und wärme sie wieder auf. Aus der Küpe blaue zweimal des Tages, morgens und nachmittags, solange sie noch Farbe hergibt."
Im Mittelmeerraum existierten fabrikähnliche Betriebe zum Baufärben in den Städten.
Das Leben in den freien Städten war genossenschaftlich organisiert, die Handwerke waren nach Zünften geordnet, wobei die Färber den Tuchherstellern zugeordnet waren. Kein Berufszweig konnte sich den Gilden oder Zünften entziehen.
Soviel man aus heutiger sozialer Sicht gegen das Zunftwesen einwenden mag, als Garant des handwerklichen Niveaus kann es nicht hoch genug eingeschätzt werden: Die Zünfte regelten die Ausbildung der Handwerker und die scharfe Kontrolle der Erzeugnisse. Die Lehrzeit betrug in Deutschland bei den Färbern 3-7 Jahre und endete mit der Vorlage eines Gesellenstücks und einer Prüfung. Auf die Lehre folgte die Wanderzeit, wo sich der Geselle in verschiedenen Werkstätten Kenntnisse aneignete. Danach war er berechtigt, ein Meisterstück anzufertigen und sich nach bestandener Qualifikation niederzulassen. Die Zünfte verlangten jedoch nicht selten fast unerschwingliche Meisterstücke, begrenzten die Zahl der Werkstätten und erschwerten die Niederlassung dadurch erheblich. Oft blieb einem fähigen Mann nur die Einheirat in eine bestehende Werkstatt.
Wie die Zünfte auf der einen Seite den Mitgliedern alle Konkurrenz vom Leibe hielten, so streng war auf der anderen Seite die Kontrolle der Erzeugnisse. Die Ge­meinschaft kaufte oft die Rohstoffe ein und versteigerte sie unter den einzelnen Handwerkern. Bei den Färbern begann die Kontrolle bei den Farbstoffen: nur bestimmte waren zugelassen. Auch das Färben geschah in kontrollierten Räumen, wobei es genaue Vorschriften über die Menge der Farbstoffe und des Färbguts und die Anzahl der Färbungen pro Tag gab. Die Tuchmacher waren in Deutschland für die Beaufsichtigung der Färber zuständig, da die Färber zur Zunft der Weber gehörten. Erst seit dem 16. Jahrhundert gab es in Deutschland selbständige Färberzünfte.
Das ganze Mittelalter hindurch war der Waid (Isatis tinctoria) der wichtigste Lieferant des blauen Farbstoffs. Die Bearbeitungsmethoden haben sich nicht wesentlich geändert. Es waren in drei aufeinander folgenden Farbgängen drei verschiedene Färbungen möglich: Schwarz, Blau und Grün. Durch Überfärbungen und Mischungen ergaben sich weitere Nuancen.
Die Hauptanbaugebiete des Waid befanden sich in Thüringen und Sachsen, Erfurt und Naumburg galten als Zentren des Waidhandels. Von hier aus unterhielt man Handelsbeziehungen zu allen bedeutenden Tuchmacherplätzen, wobei aber immer zuerst der Bedarf der heimischen Zünfte gedeckt werden musste. Besonders Erfurt nutzte die Zollvorteile, die sich ihm durch Mitgliedschaft in der Hanse boten und schickte den Waid bis nach England, ein für die Händler sehr gefahrvolles Geschäft: Auf Planwagen verladen, von Pferden in Tagesreisen durch die Lande gezogen, mussten für die Ware zahlreiche Zölle gezahlt werden. Raubüberfälle und unpassierbare Straßen waren an der Tagesordnung. Handelshäuser verkauften 1617
Farbstoff im Werte von 125000 meißnischen Gulden, 300 thüringische Dörfer produzierten jährlich Waid im Mindestwert von 450.000 Gulden. Diese Zahlen werden noch interessanter, wenn man weiß, dass ein Gulden zu der Zeit ca. 3 g reines Gold enthielt. Das Pflücken der für die Farbgewinnung geeigneten Blätter fand vor der Blüte im Juli statt, bei guten Boden- und Witterungsverhältnissen konnte im September eine zweite Ernte eingebracht werden. Die Bauern mussten sie zum Verkauf in die Stadt bringen. Kein Färber durfte aufs Land gehen und womöglich vor den Zunftgenossen den besten Waid aufkaufen. Die Stadt Erfurt erlaubte 1480 nur ihren eigenen Bürgern, Waid zu kaufen. Nach dem Verkauf musste der Händler für die weitere Verarbeitung der Blätter sorgen.
Zur Aufbewahrung und Vorbereitung auf das Färben hat sich folgendes Verfahren durchgesetzt: man zerkleinerte die Blätter unter Befeuchtung und schüttete den entstandenen Brei zu 50 cm hohen Haufen auf. Diese besprengte man noch einmal mit Wasser, damit eine Gärung in Gang kam. Der vergorene Waid konnte zu Kugeln geformt und getrocknet aufbewahrt oder in Fässern an die Zünfte geliefert werden, wobei der Kaufmann durch Stempel und der Prüfer mit dem Siegel der Stadt die Qualität garantierten. Durch diese Aufbereitung spaltete sich bei der Gärung das in den Blättern enthaltene Indikan in eine Vorstufe des blauen Farbstoffs, das Indoxyl. In der Küpe kann dann die farblose, wasserlösliche Form des Farbstoffs auf die Faser aufziehen und sich an der Luft zum wasserunlöslichen Blau verwandeln.
Die Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama im Jahre 1498 brachte dem Farbstoffhandel einen großen Aufschwung, konnten doch jetzt die vielen Zölle und der Zwischenhandel des Landweges umgangen  werden. Für den Waid begann damit eine folgenschwere Entwicklung: Erst durch die Portugiesen, später durch die Holländer und Engländer, kam in immer größeren Mengen Indigo nach Europa. Er ist das Produkt aus der Pflanze Indigofera tinctoria, deren Blätter den Farbstoff wie der heimische Waid enthalten, aber in wesentlich größeren Mengen. Die schon sehr bald auf Plantagen kultivierte Pflanze wird nach der Ernte gebündelt und gleich in großen Becken in Wasser eingeweicht, wo die Gärung bei den hohen Lufttemperaturen rasch einsetzt.     Hat die Einweichflüssigkeit eine gelbgrüne Farbe und einen süßlichen Geruch bekommen, lässt man sie in tiefer liegende Becken ab.
 
Abb. 2: Indigopflanze
Durch Schlagen mit Stöcken und Ruten führte man der Flüssigkeit Luftsauerstoff zu, wodurch das bei der Gärung entstandene Indoxyl sich auf dem Boden absetzt. Der Bodensatz wurde nun zum Abtropfen in spezielle Beutel gefüllt, zur Reinigung noch einmal gewaschen beziehungsweise auch gekocht, schließlich gut abgepresst und getrocknet. Auf diese Weise konnte man aus 100 kg Pflanzenmaterial 1,5 bis 2 kg
Indigo gewinnen. Er kam in Platten oder Stückform in den Handel. In dieser Form ist er auch heute noch zu haben.
Beim Färben muss der Indigo in der Küpe wieder in die lösliche Form gebracht werden, um auf die Faser aufziehen zu können. Die Verfahren dazu sind immer wieder verbessert worden und reichen bis zur modernen Hydrosulfitküpe
(vgl. Indigo-Färbung).
-Die Waidbauern Europas merkten sehr bald den Druck der Konkurrenz, und durch manche Verbote des Indigos versuchte man den Waidanbau zu retten. Große Wirkung scheinen die Verbote nicht gehabt zu haben. So klagt der Chemiker J. Becher aus Speyer 1682: „... so gehen unsere Manefakturen auch mehr hinter sich als vor sich, sie geben nur das Geld an die Holländer vor und lassen hingegen den WaydBau in Thüringen zu Grunde gehen." Auch spätere Versuche unter Napoleon I., den Waidanbau wieder zu beleben, führten zu keinem Erfolg: Der Indigo blieb Sieger.
 

Abb. 3: Gewinnung von Indigo auf den Antillen
Als die absolutistischen Staaten im 17. Jahrhundert immer mehr Geld für ihre Staatskasse brauchten, unterstützten sie die Entstehung größerer, rationell arbeiten­der Betriebe. Berühmt wurde Colbert, der zur Zeit Ludwigs XIV. die französische Wirtschaft unter dem Gesichtspunkt höchsten Gewinnes und Steueraufkommens neu organisierte.
Die Entwicklung zur industriellen Produktion wurde aber nicht nur durch wirtschaftliche Anstrengungen in Gang gesetzt, wichtiger wurde die Weiterentwicklung der Chemie von der Alchemie zur naturwissenschaftlichen Disziplin. Wesentlich daran beteiligt war Justus von Liebig, der als genialer Erfinder an der Universität Gießen wirkte. Dieser vielseitige Forscher erzielte seine größten Erfolge mit der Entdeckung der künstlichen Düngung. Um auf dem Laufenden zu bleiben, verteilte er an seine Schüler Arbeitsaufträge aus allen Gebieten der Chemie. Als Liebig von einem ehemaligen Studenten ein Stück Steinkohlenteer bekam, beauftragte er seinen 23jährigen Assistenten A. W. Hoffmann mit der Untersuchung. Hoffmann fand einen farblosen Bestandteil, den vor ihm schon Runge entdeckt hatte. Er konnte nachweisen, dass  die von Fritsche aus dem Indigo gewonnene Substanz
Anilin (nach dem portugiesischen Namen des Indigo „anil") mit der von ihm aus dem Steinkohlenteer isolierten identisch war.
Anilin erschien ein geeigneter Ausgangsstoff für neue Forschungen: So beauftragte Hoffmann, als er wenige Jahre später Leiter des Royal College of Chemistry in London wurde, seinen jungen Assistenten William Perkin damit, aus Anilin Chinin herzustellen, das als einziges Heilmittel gegen viele fieberhafte Tropenkrankheiten sehr gesucht war. Bei der Oxydation des Anilin mit Kaliumbichromat erhielt der tüchtige Experimentator nur einen schmierigen Niederschlag, zu jener Zeit das Zeichen für einen misslungenen Versuch. In den Ferien setzte Perkin die Untersuchungen in seinem eigenen Labor fort und stellte Auszüge her, mit denen er ein Stück Seide strahlend violett färben konnte. Der erste Farbstoff aus Steinkohlenteer war gefunden. Perkin erhielt 1858 das Patent auf seine Entdeckung, kündigte seine Stellung bei Hoffmann und begann mit Hilfe seines Vaters und Bruders die großtechnische Herstellung des Farbstoffs. Als der Absatz nicht in Gang kam, konnte er die Lyoner Seidenindustrie und die Pariser Modemacher von den Vorzügen seines „Anilin-Purpur" überzeugen. Der Farbstoff bekam nach der Malvenblüte den Namen Mauvein. Als „mauve" wurde er zum Hit der Saison. Perkins Fabrik florierte.
Die Entdeckungen gingen weiter: Auch Perkins Lehrer Hoffmann beteiligte sich mit einem violetten und einem roten Anilinfarbstoff (Fuchsin). Bereits 1862 konnte man auf der Londoner Weltausstellung zahlreiche mit den neuen Farbstoffen gefärbte Textilien bewundern.
Trotz eines unter den Chemikern verbreiteten Optimismus gelang es zunächst nicht, ein Blau mit genügenden Echtheitseigenschaften zu finden.
Da beschloss man, den Indigo zu analysieren, um ihn „nachbauen" zu können. 1878 gelang Adolf von Bayer die erste Synthese, doch für die industrielle Produktion sind die Ausgangsstoffe zu teuer. Die Farbwerke Höchst und die Badische Anilin- & Soda-Fabrik setzten alles auf eine Karte und investierten ungeheure Summen in die Forschung. Beide fanden eine chemische Synthese des Indigo aus lohnenden Aus­gangsprodukten. 1897 ist der erste synthetische Indigo auf dem Markt, gut zwei Mark je Kilo billiger als der Natur-Indigo. 1913 exportierte Deutschland 33.000 Tonnen synthetischen Indigos.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die großen Importeure der Naturfarbstoffe das Rennen verloren. Die Farbenhersteller, zu denen sich auch die Farbenwerke Friedrich Bayer & Co gesellt hatte, setzten jedoch weiterhin viel Geld und Arbeitszeit in die Erforschung neuer und die Verbesserung alter Farbstoffe. Als Markenzeichen für eine besonders wasch- und lichtechte Färbung gilt der Begriff „indanthren". 1901 versuchte der Chemiker Bohn, die Indigosynthese zum Vorbild nehmend, aus der Ausgangsverbindung des Alizarins, dem Anthrachinon, einen neuen Farbstoff zusammenzusetzen. Er erhielt ein außerordentlich haltbares Blau, das er nach dem Vorbild und dem Ausgangsstoff Indanthrenblau nannte. Andere Farbstoffe nach gleichem Vorbild folgten. Als aber immer öfter der Beiname „indanthren" für qualitativ schlechtere Farben benutzt wurde, führten Verhandlungen schließlich doch dazu,
dass heute nur eine sehr kleine Gruppe besonders echter Farben diesen zum Qualitätsbegriff gewordenen Zusatz tragen dürfen.
Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass die Farbstoffe lange Zeit ein Motor der chemischen Entwicklung waren und vor allem als wirtschaftliche Grundlage für den Aufschwung der Chemischen Industrie gedient haben.
Lit: Schneider, G. (1986): Färben mit Naturpflanzen früher und heute  IN: Textilarbeit  und Unterricht 4 
 
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